"Ein Joint ist nicht so schlimm …"

In der Drogenberatungsstelle wurden wir belehrt, dass so ein Joint nicht schlimmer sei als das abendliche Bier des Vaters und wir doch bitte diesen Jungen in Ruhe lassen sollen.
Die Beziehung zwischen meinem Mann und mir wurde auch ganz schlimm. Gegenseitige
Vorwürfe, Schuldzuweisungen und Ohnmacht gehörten zu unserem Alltag. Ich fühlte mich für alles verantwortlich, versuchte zu schlichten, zu verharmlosen und unseren Sohn zu schützen.
Zu diesem Zeitpunkt suchte ich Hilfe beim Elternkreis. Dort fand ich zum ersten Mal wieder Verständnis. Aussagen wie „Sie können Ihrem Sohn nicht helfen, sondern nur durch eigene Veränderungen etwas dazu beitragen, dass sich etwas ändert“, waren zu diesem Zeitpunkt für mich nur schwer zu begreifen. Wir begannen neue Strategien zu Hause einzusetzen. Mit Aussagen wie: ,,In unserem Hause gibt es keine Drogen“ und „Wer sich nicht daran hält muss gehen“, wollten wir Klarheit schaffen. So zog unser Sohn freiwillig aus als er 18 Jahre alt war.

"Loslassen und Abgrenzen"

Ich ging parallel zum Elternkreis und auch in die Angehörigengesprächsgruppe in unserer Psychiatrie. Ich stellte fest, dass dort die Angehörigen ganz für ihre Kinder leben. Es war für mich schockierend zu sehen, wie viele Eltern ihre zum Teil über 40-jährigen berenteten Kinder bei sich zu Hause haben und sich um diese selbstverständlich kümmern.
Mit „Loslassen und Abgrenzen“, was ich aus meinem Elternkreis mitbrachte, wollte niemand etwas zu tun haben.

Unser Sohn sagte, er würde nie mehr Therapie machen. „Die wollen meine Seele rausreißen“, waren seine Worte. Ich bin doch „normal“ und möchte arbeiten und mir eine Wohnung besorgen.“
Nach 2 Wochen, in denen er sich bei Freunden durchgeschlängelt hatte, stand er morgens vor unserer Türe und bat um Aufnahme. Er wisse nicht weiter, habe schon eine Nacht im Freien verbracht, er kenne keinen Ausweg mehr.

Mein Mann verweigerte zuerst die Aufnahme, aber ich konnte ihn nicht fortschicken. Er war wieder psychotisch und wie er da saß, wie ein Häufchen Elend. Mein Herz wäre gebrochen, wenn ich ihn weggeschickt hätte. Wir konnten ihm ja auch keine Alternative nennen.
Also haben wir ihn wieder zu Hause aufgenommen, unter klaren Bedingungen, wie jeden Tag pünktlich zur Arbeit, Mithilfe im Haushalt usw., mit der Prämisse, sich nach einer Wohnung umzuschauen. Es wiederholte sich alles! - zum wievielten Mal?

Im Frühjahr 2003 war er wieder so stark psychotisch, dass ich das erste Mal vor ihm Angst hatte. Er geisterte Nächtelang herum und wollte uns vor dem Bösen beschützen. Außerdem sah er in mir ein Monster. Wir beantragten nun per Notar einen gesetzlichen Betreuer.
Mit dem sozialpsychiatrischen Dienst führten wir ein gemeinsames Gespräch. Wir teilten unserem Sohn dabei mit, dass er entweder in die Psychiatrie gehen und von uns Unterstützung erhalte, oder auf die Straße müsse.

Freiwillig in die Psychatrie

Wie durch ein Wunder erklärte er sich bereit, freiwillig in die Psychiatrie zu gehen.
Irgendwann hat er sich damit abgefunden, dass er bleiben muss, aber an seinen Augen habe ich gesehen, dass etwas in ihm zerbrochen ist.
“Was habe ich euch getan?“ fragte er uns bei jedem Besuch. Ich konnte ihm keine Antwort geben, aber mein Herz ist vor Schmerz fast zersprungen.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie unsere Geschichte endet. Unser Sohn ist zwar nicht mehr so, wie er vor seiner Psychose war, aber wir haben gelernt ihn anzunehmen wie er ist, nämlich ein wunderbarer Mensch.
Ich kritisiere unser Hilfesystem, das nach wie vor nicht vernetzt ist. Zwischen Psychiatrie und dem Hilfeangebot der Suchthilfe besteht nach wie vor ein großer Graben.
Auch wir betroffene Eltern und selbstverständlich auch die Selbsthilfegruppen der Elternkreise sind mit dieser Doppelproblematik total überfordert, da keiner weiß, an wen er sich wenden kann.
Es besteht ein dringender Bedarf an Klärung und Aufklärung für Professionelle sowie für die Betroffenen mit ihren Angehörigen. Patienten mit der Doppeldiagnose Psychose und Sucht sind längst keine Randgruppe mehr!
Es müssen endlich Brücken gebaut werden.
Lassen Sie uns damit beginnen!